Mittwoch, 11. Mai 2005

Der jüngste Tag – Die Deutschen im späten Mittelalter

Der jüngste Tag – die Deutschen im späten Mittelalter von Siegfried Fischer-Fabian ist ein Buch, das man rundheraus als gut bezeichnen kann. Ist es doch traurige Wahrheit, dass viele Historiker meinen, die so interessante und lebendige Wissenschaft der Geschichte ließe sich am besten so trocken wie möglich zu Papier bringen. Als sei ein gestelztes, mit Schachtelsätzen und Fremdwörtern gespicktes Werk mehr wert als eines, das auch noch gut geschrieben ist und dem Leser schon wegen der Schreibe gefällt.

Fischer-Fabian gibt einen Überblick über das Denken und das Leben dieser Zeit – nicht ohne das Morbide herauszuarbeiten, das die Gesellschaft, an diesem Ende eines Zeitalters, bezeichnet hat. Von der merkwürdigen Mode ist die Rede, die in Schnabelschuhen und Glockenbesatz ihren Höhepunkt fand, vom Stadtleben, das zu dieser Zeit leider schon nicht mehr so relativ frei für Frauen war wie zu Beginn der Stadtgründungen, vom schrecklichen Wahn der Hexenverfolgung, die in dieser Zeit – gerade durch das berüchtigte „Malleus Maleficarum“ – dem Hexenhammer – ihren Anfang nahm, vom Schwarzen Tod, aus dessen Schoß die Geißler und Judenverfolgung krochen und auch vom Verhältnis zum Tod, dem personifizierten Sensenmann. Den Bogen, den er dabei zum Heute spannt, lässt Beklommenheit aufkommen ob der Art und Weise, wie wir mit dem Tod umgehen:

Er findet seine Opfer immer seltener daheim. In den deutschen Städten erleben drei Viertel aller Menschen ihre letzte Stunden im Krankenhaus. Betreut von den Apparatemedizinern, die ds Leben auch dann noch erhalten, wenn der Körper nur noch eine Vitalkonserve ist, Objekt einer Maschinerie, die einem Sterben in Würde genauso Hohn spricht wie die vielerorts geübte Praxis, den Sterbenden mit seinem Bett in einer Abstellkammer oder ein Badezimmer zu schieben, abzuschieben. Niemand weiß, was in den letzten Stunden seiner – scheinbaren – Bewußtlosigkeit in ihm vorgeht, welche Höllen er durchleidet.


Und weiter:

Doch sind die Sterbenden selbst meist Komplicen des Schweigens, weil sie nicht wissen wollen, was sie wissen sollten. Milieu, Erziehung und die seit der Mitte des letzten Jahrhunderts einsetzende Entwicklung zur (un)frommen Lüge haben ihnen längst die Kraft genommen, dem Unausweichlichen bewusst entgegenzutreten, wie der Mensch des späten Mittelalters sie noch besaß.

Doch auch Erfreuliches lässt sich in dem Büchlein finden, zur Quellenlage im Allgemeinen und zur Bauernzunft im Besonderen:

Die Unterschiede in einem Reich, dessen Landkarte einem kunterbunten Narrengewand glich, waren zu groß, als daß sich allgemeine Gültigkeit aussagen ließe. Die mangelhafte Überlieferung kommt hinzu, das Versagen der Quellen; allzuwenig wurde, wie es im Bayrischen heißt, schriftmaßig gemacht und: Bauern schrieben keine Briefe, weil sie in der Regel nicht schreiben konnten. So wissen wir nicht genug über ihren Alltag, über ihre Lebensgewohnheiten, über ihr Denken.
Das ist das Dilemma der Historiker und die Erklärung dafür, daß die Lage des deutschen Bauern von einigen als gut hingestellt wird, von anderen dagegen als schlecht. Einig sind sie sich allerdings alle darin, daß von Versklavung und genereller Verelendung nicht die Rede sein kann: es gingen ihnen besser, oder sagen wir, nicht so schlecht wie der ländlichen Bevölkerung in den meisten anderen europäischen Ländern. Sonst hätte er nicht das leisten können, was er in der Tat geleistet hat. “Nicht nur, daß vornehmlich auf seinen Schultern die Wirtschaft Deutschlands, eines ausgesprochenen Agrarlandes, das ganze Mittelalter hindurch, trotz der städtischen Kultur und der Hanse, ruhte, daß von ihm der größte Teil der öffentlichen Lasten getragen, daß von ihm die Städte bevölkert wurden...”, schreibt Johannes Bühler, “er hat den Boden Deutschlands zum deutschen Boden gemacht. Und die gehobene Schicht des Bauerntums schenkte erst dem Rittertum, dann dem Bürgertum und vor allem dem Klerus manch tüchtigen Mann und trug so ihren Teil bei zur höheren Kultur.” Und Willy Andreas ergänzt: “Wahrlich, er hätte eine weniger lieblose Behandlung verdient! Denn abgesehen von der riesenhaften Volkskraft, die im deutschen Bauerntum aufgespeichert lag, barg es doch bei aller Nüchternheit, Grobheit und Härte seines Wesens in rauher Schale Gemütseigenschaften, die Sprichwort, Märchen, Volkslied und Recht mit Naturliebe und Treuherzigkeit, mit Mutterwitz und gesundem Sinn durchwärmten.”


Na, das macht doch Mut, auch mal einen Bauern darzustellen!

Trackback URL:
https://kleinstadtelse.twoday.net/stories/685256/modTrackback

Kleinstadtellis Welt

von mittelalterlichem Kleinstadtleben, großstädtischen Ausflügen und seltsamen Anwandlungen

Dein Status

Du bist nicht Teil der Kleinstadtwelt.

Für Suchende

 

Stadtgespräch

Tja, was neues ist das...
Tja, was neues ist das leider nicht. Vor allem, was...
Oliver (Gast) - 24. Okt, 15:27
Solche "wichtigen" Meldungen...
... sollen doch nur von den Dingen ablenken, von denen...
DonJuergen - 13. Sep, 18:14
Stimmt. Ich war auch...
Stimmt. Ich war auch ziemlich entgeistert. Habe 'ne...
Trojaner2304 (Gast) - 26. Apr, 09:09
1984
Ich finde das "Ministerium für Liebe" - ebenfalls Orwell...
DonJuergen - 25. Apr, 18:51
Das passt doch sehr gut!
Das passt doch sehr gut!
DantesMuse - 19. Apr, 10:41
Ich kann da als kinderlose...
Ich kann da als kinderlose Frau nicht mitreden. Aber...
Ani72 - 19. Apr, 08:35
In der Heute Show wurde...
In der Heute Show wurde ein schöner Plakat - Schnappschuss...
Ani72 - 18. Apr, 22:35
Schön, wenn's so wäre....
Schön, wenn's so wäre. Ich Niedersächsin habe aber...
DantesMuse - 18. Apr, 21:12